Das 11-Uhr-Kirchengeläut dröhnt mir in die Ohren und erinnert mich daran, dass in einer Stunde einige knurrende Mägen, zu denen erwartungsvolle Gesichter gehören, in der Küche auftauchen. Gerade habe ich noch überhaupt keine Ahnung, was ich meinen Lieben zum Mittagessen vorsetzen könnte. Zudem bin ich noch mitten in der Boutique-Bestellung, die länger dauerte, weil es inzwischen an der Türe geklingelt hat … der tägliche Trubel halt.

Jetzt fängt unaufhaltsam das Gedankenkarussell in meinem Kopf an sich zu drehen, während die Kirchenglocken weiterbimmeln:

Die Menüs von gestern und vorgestern poppen auf. Oh, gestern hatten wir Pasta, am Tag zuvor Kartoffeln. Dann kommen diese Hauptzutaten schon mal nicht in Frage. Die Gedanken jagen weiter: Was ist mit Linsen? Zu spät – die müssen doch eingeweicht werden, damit die Phytinsäure weicht und sie bekömmlicher werden. Die immer beliebte Lasagne? Braucht zu lange, bis alle Saucen gekocht sind. Dann ein Thai-Curry? Nicht genug Gemüse vorrätig. Also doch schwarzer Reis mit Karotten! Ach nein, das mag ja die Hälfte der heutigen Tischgesellen nicht …

Vor ein paar Jahren hätte mich diese Situation ziemlich gestresst. Schliesslich soll die Ernährung nicht nur gesund und abwechslungsreich, sondern auch nährstoffreich und sättigend sein. Damit meine Lieben eine Stunde nach dem Essen nicht schon wieder in den Vorratsraum schleichen, um etwas zu knabbern. Das kann sich ja – insbesondere auf die Zahngesundheit – ungünstig auswirken. Wie du siehst, dreht das Hin und Her meiner Gedanken bereits weitere Kreise.

Im Ernährungs-Dschungel herumgeirrt

Wann genau der „Ernährungsstress“ bei mir angefangen hat, kann ich nicht mehr genau datieren. Allerdings erinnere ich mich, wie ich mich als Migräne-Geplagte vor über 20 Jahren mit möglichen Nahrungsmittel-Triggern beschäftigt habe. Die Liste der Bösewichte war lang: Kuhmilchprodukte, Zitronen, Schokolade, Kaffee, Haselnüsse – um nur einige zu nennen. Es war auch die Rede davon, dass gewisse Kombinationen das Problem sind. Zum Beispiel Kuhmilchprodukte mit Zitrone oder Schokolade mit Haselnüssen. Frohen Mutes habe ich Kuhmilch durch Schafmilch ersetzt und keine Zitronen mehr gekauft. Vielleicht wurden die Abstände der Anfälle zwischenzeitlich etwas länger – aber nachhaltig geholfen hat nichts.

Vieles mehr habe ich für einige Wochen oder Monate getestet: Keinen Kaffee mehr. Oder die Haselnüsse weggelassen. Bei der Schokolade war dann allerdings Schluss. Das war eindeutig meine rote Linie – nicht nur, weil ich damals bei Lindt & Sprüngli gearbeitet habe. Keine Schokolade, tzzzz! Wenn es all die anderen sogenannten Trigger nicht waren, wieso soll es dann ausgerechnet Schokolade sein?! 🤩

In den letzten Jahrzehnten habe ich unzählige Kuren und Ernährungsformen ausprobiert: ayurvedische Darmreinigungen, Saftkuren, Entgiftungen, vielversprechende Nahrungsergänzungen und vieles mehr. Von Paleo (nicht gerade reizvoll, wenn man kein Fleisch isst) über glutenfrei (wow, so viele stärkehaltige Mehle in den Ersatzprodukten – ist das nicht vom Regen in die Traufe?) bis hin zu vegan (eine Art Religion, die das Potenzial hat, auszuarten).

Jede Kur hat interessante Erfahrungen mit sich gebracht. Einige haben sogar kurzzeitig Symptome gelindert. Aber gleichzeitig brachten sie neuen Stress ins System: Routinen mussten angepasst und Ersatzprodukte gefunden werden. Dazu musste ich vor allem meine schlauen Kinder mit überzeugenden Argumenten auf meine Seite bringen. Schon während ich darüber schreibe, fühlt es sich anstrengend an. Aber hey, es ist doch meine Aufgabe, meinen Lieben das Beste vorzusetzen, oder nicht?

Die befreiende Frage

Während ich mich jahrelang intensiv damit beschäftigt habe, was „gesunde“ und „ungesunde“ Ernährung ist, habe ich mir stets die Frage gestellt: Welche Nahrungsmittel wirken sich positiv, welche negativ auf unsere Gesundheit aus?

Irgendwann wurde diese Frage auf einmal beantwortet. Wie konnte ich so lange nicht auf die verblüffend einfache Antwort kommen? Alles, was uns von Ernährungsberatern, Ärzten, Müttern oder Spezialisten weisgemacht wird, ist nur deren Meinung. Es kann so sein – oder eben ganz anders.

Um das für dich selbst zu prüfen, stelle dir einmal folgende Fragen:

  • Weisst du wirklich ganz genau, was in deinem Körper passiert, wenn du dir etwas in den Mund steckst – oder glaubst du es nur zu wissen?
  • Wie erklärst du dir, dass verschiedene Leute das gleiche Essen zu sich nehmen, sich aber völlig unterschiedliche Wirkungen zeigen?
  • Wir verstehen unseren eigenen Körper oft nicht, wissen nicht, woher die Zellen genau wissen, was sie wann tun müssen, damit das Herz schlägt oder eine Wunde heilt. Wie können wir dann vorgeben zu wissen, was pauschal „gute“ oder „schlechte“ Ernährung ist?
  • Wie erklärst du dir, dass es Menschen gibt, die rauchen, kaum Wasser trinken und dennoch steinalt werden?

Die simple, unglaublich entspannende Antwort lautet: Es kann in Wirklichkeit niemand sicher wissen, welche Ernährung für jeden einzelnen richtig oder falsch ist.

Natürlich statt normal

Ich hatte anfangs selbst meine Mühe mit dieser Aussage. Es gibt doch offensichtlich ungesunde Dinge wie saure Schlangen, Chips und Berliner – wie kann das nicht falsch sein?

Später habe ich erkannt, dass es gar nicht darum geht, Lebensmittel zu bewerten. Die Frage, die ich mir seither stelle, lautet:

Ist es NATÜRLICH – oder ist es einfach NORMAL, weil es die Mehrheit der Gesellschaft so macht?

Das bringt unglaublich viel Entspannung ins System. Der Fokus liegt jetzt nicht mehr darauf, für die ganze Familie rigide zu entscheiden, was gut und was schlecht ist (was ja sowieso ständig ändert, je nach Wissensstand…🤪) – sondern ein überwiegend naturnahes, saisonales, regionales und frisches Angebot aufzutischen.

Und dann dürfen es auch mal saure Schlangen, Chips oder Berliner sein. Wobei die gar nicht mehr so interessant sind, wenn sie nicht mehr als „böse“ oder verboten gelten. 🤭

Kennst du dieses Gedankenkarussell rund um die Ernährung auch? Schreib mir gerne in den Kommentaren!